| | Pilger- und Wallfahrtswesen
Seit über 1000 Jahren liegt Reilingen an gleich vier über- aus bedeutsamen Wegverbindungen: Am bedeutungsvoll- sten sicher die historische Kaiserstraße, auf der einst die Herrscher des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nationen zwischen Prag, Nürnberg, Wimpfen, Speyer und weiter bis nach Aachen unterwegs waren. Nicht minder bedeutsam auch die alte Handelsstraße, die der alten Römerstraße folgend von Heidelberg kommend in Richtung Süden führte. Dann natürlich der Pilgerweg zum legendären Apostelgrab ins nordspanische Santiago di Compostela. Und nicht vergessen sei der alte regionale Pilgerweg zur Marienwallfahrtsstätte im Kloster Waghäu- sel. Alle vier Strecken passierten dabei auch die (frühere) Burg Wersau, wo seit September 2009 an der Brücke über den Kraichbach mit der Jakobsmuschel ein markan- tes Wegzeichen angebracht ist und deutlich daran erin- nert, dass es den historischen Pilger- und Jakobsweg wieder gibt.
Beliebtes Etappenziel der Pilger war dereinst in Reilingen die dem heiligen Wendelin ge- weihte Kapelle im Bereich der Burg Wersau, sowie die "wundertätige Gottesmutter" in der alten Georgskirche im benachbarten Hockenheim (die gotische Marienstatue steht heute in der Kapelle des Altenheims St. Elisabeth).
Die Pilgerbewegung entstammt der intensiven Volksfrömmigkeit der damaligen Zeit. Be- sonders St. Wendelin war bei der ländlichen Bevölkerung sehr beliebt, gilt er doch als Schutzpatron der Hirten und der Landleute, Bauern, Tagelöhner und Landarbeiter.
Um die große Zahl der Pilger auch zu versorgen, wurde am 10. Juni 1451 die Wendelins- bruderschaft ins Leben gerufen. Vermerkt sind in diesem Zusammenhang nicht nur die Pil- ger nach Reilingen, Hockenheim und Waghäusel, sondern mehrfach auch die von weither zum Jakobusgrab in Santiago de Compostela ziehenden "gewaltig Pilgersleut von Wisse- loch uff dem Weg zu Speir", die in der Historie die Kapelle in der Burg Wersau, später dann die im Ort liegende Kirche als "eyn gar wichtig Walfahrtskirch" aufsuchten.
Inzwischen ist auch bekannt, dass kranke Pilger "zu Rutling" im Gutleutehaus (heute ver- gleichbar etwa mit einer Sanitätsstation oder einem Spital) gepflegt und versorgt wurden. Nach dem bisherigen Kenntnisstand lagen die nächsten Gutleutehäuser in Mosbach sowie zwischen Speyer und Berghausen.
Vermerkt ist in verschiedenen Archivalien immer wieder auch eine Kirche, Kapelle oder Stift "Sancte Winom", angeblich zwischen St. Leon, Rot und Reilingen gelegen. Davon feh- len aber bis heute jede weiteren historischen Belege.
In einem Tagebuch eines Jakobspilgers (vermutlich aus dem Jahre 1398) ist zu lesen, dass man von "Wisslok" kommend bereits "uff der Anhöhn" nahe bei "Sancta Wendel" (Wersau oder Reilingen) die "gottwohllöblich Speir Domkerch" erblicken könne. Später passierten die Pilger und Wallfahrer die Burg Wersau sowie die Dörfer Reilingen und Lußheim, wo mit der "Lossemer Fahr" (Lußheimer Fähre) der Rhein überquert wurde. Berichtet wird aber auch von Pilgern, die den etwas längeren Weg über Hockenheim wählten, um nach dem Besuch der Georgskirche über das Dörfchen Ensultheim (heute Insultheimer Hof) die Fähre nach Speyer zu erreichen.
| Die Burg Wersau als Pilgerstation und Wallfahrtsstätte
 mehr lesen | |
|